Monte Verità / Raumdeutungen

Hertha Feist (1896 – 1990)



»Langsam kam in das stille schöne Bild Bewegung, der Atem wurde sichtbar, die Gestalt hob sich unmerklich, der Oberkörper begann sich zu regen, die Arme wurden langsam mit der Körperbewegung mitgenommen, allmählich richtete sich der Oberkörper auf, die Arme fingen an eigenes Leben zu bekommen, sie dehnten sich, streckten sich, sie falteten sich hinter dem noch schlafmüden Kopf, die Augen öffneten sich langsam und blickten fragend und erstaunt umher, der sitzende Körper straffte sich, ein Bein stellte sich auf zur Kniewinkelung, der Körper neigte sich nach vorn, das zweite nun auch schon kniende Bein fasste mit dem Fuß den Erdboden, und langsam erhob sich die ganze Gestalt und straffte sich in die Höhe, der Kopf wendete sich umher, die Füße erhoben sich auf die Zehenspitzen und leises sich kräuselndes Zittern überhauchte die ganze Gestalt.«

Fritz Böhme (1947), Deutsches Tanzarchiv Köln, zitiert nach Frank-Manuel Peter »Herta Feist (1896-1920)«. Erstveröffentlichung in
Tanzdrama 1990, Heft 13, S. 34-37 sowie unter http:// www.sk-kultur.de/tanz/feist1.htm

Hertha Feist hatte nach ihrer Ausbildung zur Gymnastiklehrerin zunächst 1917 bei Olga Desmond in Berlin ein Tanzstudium begonnen, das sie dann in Stuttgart bei Rudolf von Laban weiterführte. Sie wirkte als Tänzerin der Tanzbühne Laban in allen Einstudierungen mit, die Laban am Mannheimer Nationaltheater (1921) und am Württembergischen Landestheater Stuttgart (1922) realisiert hatte (u.a. »Tannhäuser«, »Epische Tanzfolge in vier Reigen«, »Himmel und Erde«). 1922 arbeitete Hertha Feist als Labans Assistentin in dem von ihm organisierten Sommerlager in Gleschendorf. 1923 eröffnete sie in Berlin-Halensee ihre Schule für modernen Tanz und Gymnastik und 1924 wurde sie von Carl Diem an die Hochschule für Leibesübungen berufen, um dort die Tanzausbildung der Sportstudierenden zu übernehmen.


Bildnachweis: Bildausschnitt Programmtitelseite © Suse Byk, courtesy Deutsches Tanzarchiv Köln